Jilan, ein Kind der Hoffnung, geboren im Flüchtlingsdorf NRW

Rund ums Containerdorf im Nordirak ist eine kleine Stadt entstanden, auch dank vieler Spenden. NRZ-Reporter Jan Jessen ist Weihnachten vor Ort.

Die kleine Jilan schläft tief und fest in ihrer Krippe, sie stört es nicht, dass in dem kleinen Zimmer plötzlich viele Menschen sind. Jilan ist vor zwei Wochen geboren worden. Sie ist eines von Dutzenden Kindern, die in diesem Jahr im Flüchtlingsdorf NRW im Nordirak zur Welt gekommen sind.

Wenn das Leben gerecht wäre und die Welt eine friedliche, dann hätte Jilan in Tal Uzar das Licht der Welt erblickt, etwa hundert Kilometer weiter westlich. Tel Uzar ist ein Dorf in der Nähe der Stadt Sindschar. Jilans Vater Salem Haji und ihre Mutter Gule Kheder haben dort bis zum Sommer 2014 gelebt, sie sind wie fast alle Menschen aus der Sindschar-Region Jesiden.

 

Jesiden wurden immer wieder verfolgt

Jesiden sind eine religiöse Minderheit und wurden immer wieder verfolgt, für Extremisten gelten sie als Teufelsanbeter. Im Sommer 2014 brach das Grauen über die Region herein, die Dschihadisten des sogenannten „Islamischen Staates“ stürmten heran, nahmen Dorf für Dorf, Stadt für Stadt ein, ermordeten die Männer, verschleppten die Frauen.

„Mein Vater und ich haben mit unseren Kalaschnikows geschossen, bis wir keine Munition mehr hatten“, erzählt Salem Haji, ein schmächtiger Mann, 32 Jahre jung, die Augen alt. Dann flohen die Männer mit der Familie, einige zu Fuß, andere mit dem Auto.

 

Neun Tage versteckten sie sich im Gebirge

Neun Tage verbrachten sie im nahen Gebirge, wie Tausende andere Flüchtlinge auch. Versorgt wurden sie aus der Luft. Die Bilder der verzweifelten Menschen gingen damals durch die Welt. Schließlich öffneten Milizionäre der PKK einen Fluchtkorridor, Salem Haji rettete sich und seine Familie nach Syrien.

Von dort ging es einige Tage später zurück in die autonome Kurdenregion im Irak. „Wir haben länger als ein Jahr mit vielen anderen zusammen in einer ehemaligen Kaserne gelebt, die sehr heruntergekommen war. Das war eine sehr schlimme Zeit.“

 

Die Privatsphäre ist den Menschen wichtig

Seit November vergangenen Jahres lebt die Familie jetzt im „Flüchtlingsdorf NRW“, in vier Wohncontainern, sie sind insgesamt 17 Menschen. Das Flüchtlingsdorf ist mit Spenden von Menschen, Städten, Unternehmen, Kirchengemeinden aus Nordrhein-Westfalen und aus dem Schwäbischen gebaut worden, auch viele NRZ-Leser haben dazu beigetragen, dass Flüchtlinge wie Salem Haji menschenwürdig untergebracht sind.

Sie sind nicht groß, die Wohncontainer, zwei Zimmer, ein kleines Bad, eine Küche, zusammen 30 Quadratmeter. Aber eben ein eigenes Dach über dem Kopf und Privatsphäre. „Das war für uns sehr wichtig, es hat unserer Seele geholfen“, sagt Salem. Dass Menschen so weit entfernt an ihn und die anderen Notleidenden denken, berührt ihn. „Ich bin sehr dankbar.“

 

Das Camp wuchs zur Kleinstadt

100 dieser Container stehen bis Ende des Jahres im Flüchtlingsdorf NRW, im Camp Mam Rashan, in dessen Mitte das Dorf liegt, sind es insgesamt mehr als 1100. Fast 6000 Menschen haben hier Obdach gefunden, in den vergangenen Monaten ist das Camp zu einer Kleinstadt gewachsen.

Dutzende Familien verdienen ihren Lebensunterhalt in kleinen Ladenlokalen, auch sie finanziert mit der Hilfe von Spenden aus NRW. Salem arbeitet als Elektriker. Die Kinder können wieder zur Schule gehen, endlich, es war für sie furchtbar ohne den Unterricht, ohne normalen Alltag.

 

Auch die Schule besteht aus Containern

Hunderte Kinder toben im Hof dieser Schule, auch sie besteht aus Containern, ihre Lehrer haben Mühe, sie zum Stillstehen zu bewegen. Der Horror, den manche von ihnen erleben mussten, sie scheinen ihn vergessen zu haben.

Sie rezitieren den Text der kurdischen Hymne, die noch keine Nationalhymne ist, weil Kurdistan noch nicht unabhängig ist. „Wir sind den Kurden dankbar, dass sie uns aufgenommen haben“, sagt Salem. „Aber das ist nicht unsere Heimat. Wenn du im Haus deines Bruders wohnst, gehört es dir ja nicht.“

 

Dörfer und Städte liegen in Trümmern

Vielleicht wird auch die kleine Jilan irgendwann in die Schule im Camp gehen. Wann sie, ihre Eltern, die sieben Geschwister und der Rest der Familie wieder nach Hause können, ist ungewiss. Noch besetzt der sogenannte „Islamische Staat“ einen großen Teil der Sindschar-Region und auch wenn das Terrorkalifat irgendwann Geschichte sein sollte, ist an eine Rückkehr so schnell nicht zu denken – die Dörfer und Städte liegen in Trümmern, Angst und Misstrauen der Jesiden sind groß.

 

Jilan hieß ein Mädchen aus dem Dorf

„Wie sollen wir jemals wieder mit unseren früheren arabischen Nachbarn zusammenleben können?“, fragt Salem. „Sie haben uns verraten und gemeinsame Sache mit Daesh gemacht.“ Daesh, das ist das arabische Wort für den „Islamischen Staat.“

Salem und sein Vater wünschen sich, dass die Weltgemeinschaft sie beschützt, wenn sie in die Heimat zurückkehren. „Wir wollen nach Hause. Aber wir brauchen Sicherheit.“

 

Das Mädchen Jilan nahm sich das Leben

Der Schmerz und die Erinnerung an das Erlebte, sie werden bleiben, so oder so. Die kleine Jilan mag die Zukunft sein, aber sie wird immer auch an die Vergangenheit gemahnen. „Ich habe meine Tochter Jilan genannt, weil so ein Mädchen aus unserem Dorf hieß“, sagt Salem. „Sie war ein sehr kluges Mädchen, sehr beliebt und gut in der Schule.“

Jilan schnitt sich die Pulsadern auf, als sie von den Terroristen gefangen genommen wurde. Sie wollte nicht von ihnen vergewaltigt werden. Ihre Geschwister wurden alle ermordet.